Mittwoch, 19. März 2014

Erst jagen, dann vertuschen und heute bejubeln


Die deutsche Politik wandelt sich schnell - mit großem Vergessen

Deutschland ist elektrisiert, schrieb die NNZ. Zwar rang sich die ARD nicht dazu durch, einen Brennpunkt zu senden, doch immerhin war die Website der Zeit temporär überfordert.

Thomas Hitzlsperger hat sich offenbart. In einer Angelegenheit, die im Grunde nur ihn etwas angeht. Hitzlsperger ist ja kein Steuerbetrüger, der laut "mea culpa" schreit. 

Nein, die Dinge sind einfacher. Hitzlsperger war ein erfolgreicher Fussballer. 52-mal lief er für Deutschland auf, in England wurde er wegen seines fulminanten Kicks "the hammer" genannt. Vor vier Monaten beendete Hitzlsperger seine Karriere, und mit etwas Sicherheitsabstand erklärt er nun in der Zeit, dem Fachorgan für brisante Bekenntnisse: „Ich bin homosexuell.“

Vor 80 Jahren in Deutschland: Kommunisten und Sozialdemokraten wollten die "Krankheit männliche Homosexualität" heilen (siehe auch die damalige Rechtslage in Skandinavien oder Sowjetunion) - und hetzten rigoros gegen den "perversen Nazi" Ernst Röhm. 

Die Nazis behaupteten dagegen frech, das mit der Homosexualität sei eine jüdische Lüge. Um dann das Gegenteil zu behaupten: 1934 riefen diese Nazis brutal zur Hatz auf die männlichen Schwule auf – und Hitler und seine SS-Konsorten liquidierten die SA-Spitze und einige Generäle - zur Freude von Bürgertum, Kleinbürgertum, vielen Protestanten und vieler ehemaliger Sozi/Kommunisten-Wählern. Die Ruhe im deutschen, spießigen Karton war erreicht; die "Große Koalition" von Volk und Nazi-Führung war endlich hergestellt.

Nach dem Krieg blieben die verschärften Nazi-Gesetze gegen schwule Männer bestehen, die Sozis schwiegen brav - bis 1969. Justizminister Gustav Heinemann sorgte auf starkem Druck der Liberalen dafür, dass praktizierte männliche Homosexualität (Paragraph 175) keine Straftat mehr war. Willy Brandt und Helmut Schmidt hatten als Bundeskanzler Wichtigeres zu tun - so sagten sie - als die Reste der Nazi-Paragrafen für Schwule zu schleifen.

Vor 40 oder 50 Jahren hätten sich wahrscheinlich viele männliche Schwule gefreut, wenn der eine oder andere Sportler oder Politiker durch ihr "Outing" sich solidarisch erklärt hätten. Stattdessen versteckten sich viele Promis hinter vorgeschobenen Freundinnen oder Partnerinnen. 

Heute in Deutschland – da ist der Beifall der Öffentlichkeit gewiss, insbesondere der Medien - heute riechen diese Outings aller möglichen Prominenten nach Wichtigtuerei.

Gottseidank, ist die wichtige und sehr persönliche Botschaft des Fußballers Thomas Hitzlsperger sehr, sehr politisch: "Homophobe haben jetzt einen Gegner mehr." 

Frage nebenbei: Und wie ist es mit den  sogenannten Söldnern in der Bundesliga – die Söldner-Fußballspieler aus den Dritte-Welt-Ländern (diversen Ländern in Asien, Afrika und Südamerika, etc.), in denen teilweise die männliche Homosexualität mit dem Tod bestraft wird.

Sollen sich jetzt diese Söldner, wenn es für die deutsche Öffentlichkeit nötig ist, bei uns auch Outen? Oder wenigstens das deutsche Outing öffentlich verbal gut finden? 

Oder ganz einfach: die Deutschen (Fußballspieler und Fußball-Funktionäre) sollten sich nicht als Gouvernanten für den Rest der Welt aufspielen... das wäre human.

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